„Der Vorteil ist, dass ich schnell objektive Daten erhalte“ – gerätebasierte Augenvorsorge aus Sicht eines Kinderarztes

Dieser Beitrag entstand mit freundlicher Unterstützung von Dr. Hubert Schmid, Kinderarzt aus Pfarrkirchen.

Unter Deutschlands Ärzten ist es immer wieder Thema, dass es hierzulande keine verbindlich vorgeschriebene Vorsorge-Untersuchung für Kinder beim Augenarzt gibt. Jüngst plädierten die  Augenärzte Joachimsen, Gross und Lagrèze von der Universitätsklinik für Augenheilkunde in  Freiburg, für ein flächendeckendes Amblyopie-Screening im Kindesalter. Konsequent durchgeführt, bietet dies eine effektive Methode zur Prävention von Amblyopie (Schwachsichtigkeit). Dabei verdeutlichten Sie die Bedeutung der Video- bzw. Photorefraktometrie.[1] Auch Prof. Oliver Ehrt, (Augenklinik der LMU München) unterstreicht den Nutzen des Verfahrens als „sinnvolle Ergänzung der Augenvorsorgeuntersuchung“.[2]

Bereits heute kommt die Video- bzw. Photorefraktometrie in zahlreichen Kinderarztpraxen im Rahmen des gerätebasierten Amblyopie-Screenings zum Einsatz. Wie sich der Einsatz von Amblyopie-Screeninggeräten, wie den Geräten von Plusoptix, in der Praxis gestaltet, darüber gibt uns ein Kinderarzt Einblicke aus erster Hand.

Kinderarzt mit Sthetoskop
In etwa einem Drittel der deutschen Kinderarztpraxen wird im Rahmen der Vorsorge von Babys und Kleinkindern auch ein Amblyopie-Screening angeboten.

Dr. Hubert Schmid, Kinderarzt in Pfarrkirchen, setzt bereits seit 20 Jahren die Technologie des apparativen Amblyopie-Screenings zur Augenvorsorge in seiner Praxis ein.   Zudem schult er für den Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) Assistenzärzte zum Thema Vorsorgeuntersuchungen (das Amblyopie-Screening mit Brückner Test ist wesentlicher Bestandteil der U4 bis U7) und kennt die Technologie von Grund auf. In den Anfängen noch mit analogem Polaroid-Film, setzt er seit 2014 ein digitales Amblyopie-Screeninggerät von Plusoptix ein.

Sekundenschnell zu objektiven Messwerten

Meist kommt es bei ihm bei der U6 (im Alter von zehn bis zwölf Monaten) und U7 (zwischen dem 21. und 24. Lebensmonat) zum Einsatz. „Bei familiärer Belastung (Schielen, Amblyopie, hochgradige Fehlsichtigkeit), setze ich das Gerät bereits bei der U5 ein.“ Die U5 findet im sechsten bis siebten Lebensmonat statt.

Das Gerät vermisst aus einem Meter Entfernung gleichzeitig beide Augen, ohne ein Weittropfen der Pupillen. Die Messung selbst dauert nur eine Sekunde. Dabei misst das Messgerät die Vollrefraktion, also die Werte zu Sphäre, Zylinder und Achse – und macht sie so verfügbar für nachfolgende Untersuchungen beim Augenarzt. Weiterhin misst es Durchmesser und Distanz der Pupillen sowie die Symmetrie der Hornhautreflexe. Diese Daten geben Aufschluss über das Risiko zur Entwicklung einer Amblyopie, denn die ermittelten Messwerte werden mit den voreingestellten, altersabhängigen Überweisungskriterien verglichen und ein „Auffällig“ oder „Unauffällig“ wird als Screeningergebnis angezeigt. Kinder mit dem Ergebnis „Auffällig“ müssen zur weiteren Untersuchung an einen Augenarzt überwiesen werden. Der Anwender ist damit in der Lage die am häufigsten auftretenden Risikofaktoren im Kindesalter aufzudecken:

  • Hyperopie (Weitsichtigkeit)
  • Myopie (Kurzsichtigkeit)
  • Astigmatismus (Stabsichtigkeit)
  • Anisometropie (Ungleichsichtigkeit)
  • Anisokorie (Unterschied im Pupillendurchmesser)
  • Strabismus (Fehlstellung der Augen)
  • Medientrübungen (Transilluminationsauffälligkeiten, z.B. Katarakte oder Hornhautnarben)

Neben den objektiven, präzisen Messwerte, die ihm Hinweis auf einen auffälligen Befund und dadurch notwendigen Überweisung zum Augenarzt geben, sieht Schmid weitere Vorteile durch das unkomplizierte Messprinzip:  „Das geht sehr schnell und lässt sich ohne Schwierigkeiten in den Untersuchungsablauf integrieren: der Vorteil ist, dass ich objektive Daten erhalte – ich notiere sie mir in der Akte“, berichtet Dr. Hubert Schmid.

Durchleuchtungstest gemäß Kinderrichtlinie

Seit 2017 empfiehlt die Kinderrichtlinie (https://www.g-ba.de/informationen/richtlinien/15/) des Gemeinsamen Bundesausschusses bereits ab der U2 eine regelmäßige Prüfung der Augen auf Transilluminationsauffälligkeiten im durchfallenden Licht, um frühzeitig Sehstörungen zu entdecken. Auch diese Anforderung lässt sich mit dem Plusoptix Amblyopie-Screeninggerät erfüllen, berichtet Dr. Hubert Schmid aus eigener Erfahrung: „Bei mir werden die Augen trotz Brückner-Test immer nochmal mit dem Amblyopie-Screeninggerät überprüft. Beim Brückner-Test ist es nämlich nicht immer einfach, den Befund richtig zu interpretieren, weil man ja aus zwei verschiedenen Entfernungen die Augen durchleuchtet und nicht jedes Kind lange genug stillhält. Das gerätebasierte Amblyopie-Screening hat den Vorteil, dass ich nach wenigen Sekunden bereits objektive Daten erhalte, die ich ausdrucken und dokumentieren kann. Weiterhin können die Pupillen mithilfe des aufgenommenen Kamerabilds nach der Messung in Ruhe auf Transilluminationsauffälligkeiten untersucht werden.“

Transilluminationsauffälligkeit Amblyopie-Screening
Anhand der Kamerabilder des Plusoptix Screeninggerätes lassen sich bestehende Medientrübungen in der Pupille erkennen.

Hinzu kommt, dass die Plusoptix Amblyopie-Screeninggeräte mit Infrarotlicht arbeiten, und sich der Durchleuchtungstest somit – im Gegensatz zum Brückner-Test – blendfrei durchführen lässt. Dadurch sind Abwehrreaktionen nicht zu fürchten. Durch die blendfreie Messung bleibt die Pupille weit und der Sichtbereich in das Innere des Auges vergrößert sich – und zwar exponentiell.

Genau gesagt, erhält man durch die blendfreie Untersuchung eine doppelt so weite Pupille. Hierdurch vergrößert sich der Untersuchungsbereich von Hornhaut, Linse, Glaskörper und Netzhaut um das Vierfache. So kann in einem weitaus größeren Raum auf Transilluminationsauffälligkeiten untersucht werden.

Immer mehr Krankenkassen übernehmen die Kosten

Angestoßen durch eine in 2008 durchgeführte Studie der BKK Bayern[4] und wissenschaftlichen Publikationen von z.B. Prof. Dr. Ehrt von der LMU in München und den Augenärzten der Universitätsklinik Freiburg, haben mehr und mehr Krankenkassen angekündigt, das Amblyopie-Screening in der Kinderarztpraxis in ihren Leistungskatalog aufzunehmen. Werden die Kosten für das Amblyopie-Screening nicht von der Krankenkasse übernommen, kann es auch als individuelle Gesundheitsleistung (IGeL-Leistung) abgerechnet werden.

Weitere Informationen für Kinderärzte:

Informationen zum Plusoptix Vision Screener

BVKJ Service GmbH

Erfahrungsbericht einer Mutter: Amblyopie-Screening bei der U5

 

1]    Joachimsen, L., Gross, N., Lagrèze, W. Update Augenheilkunde – Amblyopie und Refraktionsfehler, Augenheilkunde up2date 2018; 8(02): 127 – 136. (https://www.thieme-connect.com/products/ejournals/abstract/10.1055/a-0639-3421 zuletzt aufgerufen am 5.9.18).

[2]     Ehrt, Kinderärztliche Praxis 83 (2012) Nr. 6, 330 – 337.

[3]     Joachimsen et.al., op.cit., merken an: „Nachteilig wirkt sich aus, dass der Brückner-Test keine quantitativen Werte liefert. Zudem ist er sehr sensitiv: Eine geringe Hyperopie oder leichte Myopie wird bereits bei Werten, die noch kein Amblyopierisiko darstellen, auffällig. Ohne eine zusätzliche Untersuchung würden daher die Augenärzte mit einer hohen Zahl von Kindern konfrontiert, deren Brechkraftabweichung der Augen jedoch nicht therapiebedürftig ist. Aus diesem Grund ist für die Früherkennung die Videorefraktometrie besonders bedeutend.“

[4]    http://www.bkk-bayern.de/fileadmin/user_upload/Dokumente/Projekte/augenabschlussbericht.pdf

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