Augenvorsorge bei Kindern: Frühzeitige Erkennung von Sehstörungen ist entscheidend

– Ein Interview mit Christa Kampf, Orthoptistin in einer Augenarztpraxis –

Sehstörungen sind eines der häufigsten gesundheitlichen Probleme bei kleinen Kindern. Etwa jedes fünfte Kind im Alter von zwei bis drei Jahren hat eine Sehstörung.[1] Dazu kommt: 60% der Sehstörungen  bei Kindern werden zu spät erkannt.[2] 

Eltern fällt es oft schwer eine Sehstörung bei ihrem Kind zu erkennen und eine vorgeschriebene augenärztliche Vorsorgeuntersuchung für Kinder gibt es in Deutschland nicht. Eltern müssen hier selbst aktiv werden. Orthoptistin Christa Kampf aus Straubing arbeitet seit über 40 Jahren in der Augenvorsorge bei Kindern und erklärt im Interview, worauf Eltern bei ihren Kindern achten sollten.

Frage: Frau Kampf, der Beruf der Orthoptistin ist der breiten Öffentlichkeit weniger bekannt als andere Heilberufe. Wie sieht Ihr Alltag als Orthoptistin aus?

Kampf: Wie die allermeisten Orthoptistinnen arbeite ich im Bereich der augenheilkundlichen Prävention mit Kindern – in der Sehschule einer Augenarztpraxis. In unserer Praxis werden alle Kinder bis sechs Jahre automatisch für die Sehschule einbestellt.

Dort führe ich mit den Kindern entsprechend altersgerechte Untersuchungen durch, um festzustellen ob mit ihrer Sehfähigkeit alles in Ordnung ist. Zum einen erfrage ich die medizinische Vorgeschichte (Anamnese), um zu wissen, ob in der Familie bereits Sehstörungen aufgetreten sind. Zum anderen wird die Brechkraft der Augen (Refraktion) gemessen und getestet, ob das Kind mit beiden Augen gleich gut sehen kann. Dabei wird auch das räumliche Sehen geprüft. Die Ergebnisse dieser orthoptischen Untersuchung bilden die Grundlage für den Augenarzt, der meist noch den Augenhintergrund untersucht, das heißt er untersucht durch die Pupille hindurch das Augeninnere mit Netzhaut, Sehnerv und den Augengefäßen.

Frage: Sie arbeiten seit über 40 Jahren als Orthoptistin und haben in diesen Jahren mehrere Tausend Kinder untersucht und auch behandelt. Wie gut können Kinder heutzutage sehen?

Die Statistiken sprechen davon, dass 20% der Kinder eine Sehstörung haben. Ich erlebe dies als noch drastischer. Von den Kindern, die zu mir kommen, hat ungefähr ein Drittel eine Sehstörung. Sie schielen oder können nicht mit beiden Augen gleich gut sehen. Neben Weitsichtigkeit und Hornhautverkrümmungen, stellen wir selten sogar Linsentrübungen im Kindesalter fest.   Für Eltern ist es oft schwer diese Sehstörungen zu erkennen. Und die Kinder kennen den Unterschied zwischen „gut sehen“ und „schlecht sehen“ nicht. Sie wissen nicht, dass sie eigentlich besser sehen könnten.

Und hierin liegt das Risiko: Wird eine Sehstörung nicht frühzeitig erkannt, kann sich eine Amblyopie (Schwachsichtigkeit) entwickeln.

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Häufigste Ursachen für eine Amblyopie

 

Was ist eine Amblyopie? Wie entsteht sie?

Das Sehen besteht aus zwei Vorgängen, der Bildaufnahme durch die Augen und der Bildverarbeitung im Gehirn. Das Zusammenspiel von Augen und Gehirn müssen Neugeborene üben, damit sich der Sehnerv, bzw. die zum Sehen erforderlichen neuronalen Verknüpfungen zwischen Augen, Sehrinde und Augenmotorik ausbilden können. Dabei sind die ersten Jahre für die Entwicklung eines gesunden beidäugigen Sehens die wichtigsten. Treten in dieser Zeit Sehstörungen auf, so verläuft dieser Lernprozess unwiederbringlich fehlerhaft. Augen und Gehirn werden nicht richtig trainiert und das Kind wird nie seine volle Sehkraft entwickeln. Man spricht dann von einer Schwachsichtigkeit, bzw. einer Amblyopie.

Warum ist es wichtig, Sehstörungen früh aufzudecken, um einer Amblyopie vorzubeugen?

Je jünger ein Kind ist, desto schneller kann das betroffene Auge die Entwicklung aufholen. Bei ein- bis dreijährigen geht das relativ schnell. Die Faustregel aus der Praxis mit dem Augenpflaster (Okklusionstherapie) zeigt: Um Ergebnisse zu erhalten, muss ein einjähriges Kind das Augenpflaster eine Stunde am Tag tragen. Bei einem sechsjährigen Kind ist es schon nötig, das Augenpflaster 12 Stunden am Tag zu tragen. Ist das Kind älter als 6 Jahre, kann eine Amblyopie nur noch selten geheilt werden.

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In den ersten drei Jahren ist die Lernfähigkeit für das Zusammenspiel zwischen Augen und Gehirn am höchsten. Hier ist auch eine Behandlung der Sehstörung am effektivsten.
Sehstörungen sind nicht immer von außen zu erkennen

Oft höre ich von Eltern, dass die Kinder zu Hause aber jedes kleine Stäublein entdecken und wirklich den Eindruck erwecken, perfekt sehen zu können. Man kann leider nicht von außen erkennen, ob dabei beide Augen zum Einsatz kommen, oder ob das Sehen nur mit einem Auge stattfindet. Das andere wird vielleicht gar nicht benutzt, weil das von ihm gelieferte Bild für das Gehirn nicht brauchbar ist.

Zuerst muss dafür gesorgt werden, dass das Bild, welches vom schwächeren Auge kommt, vom Gehirn verarbeitet werden kann. Beispielsweise kann bei einseitiger Fehlsichtigkeit unter Umständen eine Brille dabei helfen, dass das Gehirn ein gutes, verwertbares Bild erhält und wieder beide Augen in den Sehvorgang einbezieht. Der Brechungsfehler wird aber dadurch nicht behoben.

Es ist meist sogar so, dass selbst nach erfolgreicher Therapie noch eine Brille getragen werden muss. Aber die Amblyopie ist dann abgeheilt. Die Sehschärfe des Auges ist gerettet. Mein Ziel für die therapeutischen Maßnahmen ist, wenn keine vollständige Heilung mehr möglich ist mindestens die Lesefähigkeit auf dem schwächeren Auge zu erreichen. Denn wenn wirklich einmal dem guten Auge etwas passieren sollte, hat man zumindest noch ein „Reserveauge“.

 In welchem Alter lassen sich Sehstörungen erkennen?

Besonders bei den jüngeren Kindern leistet der Vision Screener – das Messgerät – wertvolle Dienste. Man erhält verlässlich Ergebnisse, ohne auf die Mitarbeit der Kinder angewiesen zu sein. Die Messung erfolgt in Sekundenschnelle – wirklich schonend und kinderfreundlich. Diese Untersuchung kann schon ab etwa dem 5. Lebensmonat gemacht werden.

Bei Kleinkindern, die noch nicht sprechen und benennen können was sie sehen, ist zudem die gute Beobachtunggabe von mir als Orthoptistin besonders gefragt – aber mit altersgerechten Methoden kann man auch hier das Wichtigste prüfen.

Für die größeren Kinder, etwa ab drei Jahren, ist dann der klassische Sehtest durchaus auch sinnvoll, gestaltet sich aber für die Kinder manchmal anstrengend – und kommt eigentlich auch zu spät, für eine frühzeitige Erkennung von Amblyopierisiken.

Auch bei Kindern, die noch nicht sprechen können, lässt sich mit einem Screening-Gerät wie dem Plusoptix Vision Screener die Refraktion bestimmen und etwaige Fehlsichtigkeit erkennen.

 

Plusoptix S12C Vision Screener - Messung aus 1 Meter Entfernung, in unter 1 Sekunde
Auch bei Kindern, die noch nicht sprechen können, lässt sich mit einem Screening-Gerät wie dem Plusoptix Vision Screener die Refraktion bestimmen und etwaige Fehlsichtigkeit erkennen.

Wie beurteilen Sie unser Vorsorgesystem für die Augengesundheit bei Kindern?

Es gibt in Deutschland leider keine vorgeschriebene Vorsorgeuntersuchung beim Augenarzt für Kinder.

Aber es gibt sehr gute Möglichkeiten vorzusorgen – generell in Süddeutschland und speziell bei Kinderärzten in Bayern ist die Situation recht gut. Quasi alle großen Krankenkassen zahlen hier das Screening mit dem Messgerät beim Kinderarzt. Man merkt, dass langsam immer mehr Kassen nachziehen[3]: Eltern sollten, wo immer es geht, die Möglichkeiten des Amblyopie-Screenings beim Kinderarzt unbedingt wahrnehmen und bei ihrem Kinderarzt danach fragen. Diese Screenings helfen dabei, Risiken aufzudecken. Kinder mit auffälligem Befund werden dann in die augenärztliche Praxis überwiesen, dort erfolgen dann genaue Diagnose und Therapie.

Natürlich können Eltern auch direkt zum Augenarzt gehen, insbesondere wenn eine erbliche Risiken eine Rolle spielen, sie etwa selbst eine starke Fehlsichtigkeit haben oder als Kinder schielten.

In den letzten Jahren übernehmen immer mehr Krankenkassen die Kosten für das gerätebasierte Amblyopie-Screening beim Kinderarzt. Was hat sich dadurch verändert?

2008 haben die Betriebskrankenkassen eine Studie zur Augengesundheit in bayerischen Kindergärten unternommen, und die Vorsorgelücke wurde mehr als deutlich: Bei jedem dritten Kind gab es einen Verdacht auf eine Sehstörung.[4] Die meisten Kinder waren auch bis dahin nie beim Augenarzt. Inzwischen kommt das gerätebasierte Seh-Screening bei immer mehr Kinderärzten zum Einsatz und hilft beim Aufdecken von Sehstörungen. Ich selbst schule Kinderärzte in der Anwendung eines Screeninggerätes und erlebe immer wieder, wie sehr es ihnen im Alltag hilft. Der Vorteil des gerätebasierten Seh-Screenings ist, dass immer mehr Kinder bereits vor ihrem dritten Geburtstag zu uns in die Augenarztpraxis kommen, weil das Screeningergebnis beim Kinderarzt auffällig war. Somit können wir die Kinder mit Sehstörungen früher behandeln und einer Amblyopie besser vorbeugen.

Kann man noch etwas tun, wenn eine Sehstörung oder eine Amblyopie erst nach dem Alter von 2-3 Jahren entdeckt wird?

Chancen, dass es besser wird, gibt es immer – auch wenn sie mit dem Alter deutlich weniger werden. Bei einem 10jährigen Jungen, bei dem wir eine Amblyopie entdeckten, machten wir den Versuch einer Okklusionstherapie (Behandlung mit dem Augenpflaster) ergänzend zu seiner Brille. Der Junge hat es noch geschafft, auf ein Sehvermögen von 100% auf dem einstmals schwachen Auge zu kommen. Generell ist aber eine Behandlung vor dem dritten Lebensjahr am effektivsten. Eine erste Augenvorsorge sollte so früh wie möglich, am besten noch vor dem ersten Geburtstag erfolgen.

 

Kennt ihr schon all die anderen Blogbeiträge, wie zum Beispiel Gutes Sehen ist wichtig für den Schulerfolg und die Lust am Lernen oder Amblyopie-Screening beim Kinderarzt: „Die Augenvorsorge von der Kasse bezahlt.“?

Mehr Informationen zum Thema Augenvorsorge bei Kindern gibt es unter: www.augenvorsorge.info

 

Bis zum nächsten Mal!

Euer Plusoptix-Team

Quellen:

[1] Donahue SP, Arthur B, Neely DE, Arnold RW, Silbert D, Rubin JR., Guidelines for automated preschool vision screening: A 10-year, evidence-based update. J AAPOS. 2013;17(1):4-8.

[2] Die Amblyopie geht bei 49 % der Betroffenen auf eine unterschiedliche Brechkraft beider Augen (Anisometropie) zurück, bei 23 % auf Schielen, bei 17 % auf Schielen und Anisometropie, bei 11 % auf andere Ursachen.

[3] Anm. Plusoptix: Die jüngste Änderung hierzu gab es in Berlin, wo seit dem 1.4. 2018 mit der AOK eine der großen Krankenkassen das Amblyopie-Screening bezahlt. (https://plusoptix.blog/2018/04/12/immer-mehr-krankenkassen-uebernehmen-die-kosten/)

[4] http://www.bkk-bayern.de/pressepolitik/presse/pressemeldungen-archiv/pressemeldungen-2009/artikel-detailansicht/article/jedes-dritte-kindergartenkind-mit-verdacht-auf-sehschwaeche/

 

2 Antworten auf „Augenvorsorge bei Kindern: Frühzeitige Erkennung von Sehstörungen ist entscheidend“

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